Geplantes Chaos. Oder: ein Zirkusprojekt an der Grundschule

Dieser Blogpost ist ein Gastbeitrag meiner Frau Gerlinde (@geelinde).

Unsere Grundschule feiert 40jähriges Bestehen. Und das soll natürlich gebührend gefeiert werden; die Schulpflegschaft entscheidet sich dafür, eine Projektwoche mit einem Zirkus durchzuführen. Es bedurfte vieler Vorbereitungen und Entscheidungen, einiges an Finanzen muss geklärt werden, aber schließlich haben wir einen Zirkus gefunden. Am 1. Mai war es soweit:
Vier Mitarbeiter des Zirkus Zappzarap kommen und das Zirkuszelt wird auf dem Schulhof aufgebaut!!!

Das war schon sehr spannend. Viele Helfer sind dabei, es werden aber auch alle Hände gebraucht. Zuerst müssen die Pflastersteine an den richtigen Stellen aus dem engverfugten Boden herausgepult werden. Dann werden an dieser Stelle die Bodenanker eingeschlagen, eine Mörderarbeit! Die Männer hatten am nächsten Tag sicher Muskelkater… An diesen Bodenankern werden später die Spannleinen für das Zeltdach befestigt. Nachdem auf dem Boden ein Metall-U zusammengebaut wurde, wird dieses dann wiederum per reiner Muskelkraft aufgerichtet – ein imposanter Vorgang! In der Mitte wird dann schließlich die Zirkuskuppel mit den daran hängenden Dachteilen hochgezogen – nun noch die Stangen und die Seitenteile dran, Sitzbänke aufbauen und Technik installieren. Das ganze hat nur sechs Stunden gedauert. Das war eine super Zeit. Ja, es kann losgehen!

Natürlich ist es nicht alles so einfach, wie es sich anhört. Und es gehört viiiiiel mehr dazu, bis alles so ist, dass es auch funktioniert. Da muss ein Starkstromkabel verlegt werden, wir brauchen Überfahrtbrücken für diese Kabel, dann fehlt etwas (am Sonntagabend), Schwierigkeiten überraschen uns – aber am Montagmorgen ist alles für unsere rund 240 Kinder der Grundschule parat. Kleinigkeiten lassen sich durch tolle Mithilfe von allen Seiten noch im Laufe des Tages klären.

Der Montag beginnt mit einer Betreuershow. Nein, nicht die Leute vom Zirkus führen etwas vor – nein, wir Eltern und Lehrer, die den Kindern etwas für ihre Vorführung beibringen wollen, zeigen das, was wir am Vorbereitungstag vier Wochen vorher gelernt haben. Uns erwischt das Lampenfieber ganz heftig, so werden sich unsere Kinder in wenigen Tagen auch fühlen!
Anschließend dürfen die Kinder alles ausprobieren und sich dann für eine Zirkuskunst entscheiden. Damit nicht alle auf einmal da sind, wurden die Schüler in zwei Gruppen aufgeteilt. Während die Gruppe A mit dem Zirkus beschäftigt ist, hat die Gruppe B Zirkusunterricht. Dann wird getauscht. Am Ende des Tages haben sich alle Kinder für eine Zirkuskunst entschieden.
Ich habe mich derweil in meinem Zirkusbüro häuslich eingerichtet. Ich habe eine Kaffeemaschine, alles was ich dafür brauche, auch Wasser und Kekse sind da, im Laufe des Vormittags kommt eine ordentliche Kasse und natürlich die restlichen Eintrittskarten für die vier Zirkusvorstellungen der Kinder dazu. Es lassen sich auch schon einige Besucher in meinem kleinen improvisierten Büro blicken: Kinder oder Mütter, die Karten kaufen, engagierte Eltern (zumeist Mütter), die noch Fragen haben, die Schulleitung, mit der immer wieder Entscheidungen abgeklärt werden oder eben auch einfach jemand, der mal einen Kaffee trinken möchte. Nachdem der Vormittag rum ist und die Kinder mit strahlenden Augen heim gegangen sind, wartet noch eine wichtige Aufgabe auf mich. Ich tippe die Listen ab, in die sich die Kinder für die einzelnen Zirkuskünste eingetragen haben und schicke sie dann an das Team, das unsere Festschrift erstellt. Denn die Kinder werden alle namentlich unter dem Gruppenfoto erwähnt, das am nächsten Tag gemacht werden wird. Da der Druck bereits in den Startlöchern wartet, müssen die Listen möglichst schnell fertig werden! Abends bin ich ganz schön platt!

Dienstag ist im Zirkusbüro schon etwas Routine und damit auch Ruhe eingekehrt. Der Kartenverkauf geht weiter, es kommen immer wieder Leute vorbei, die Kaffeemaschine hat gut zu tun. Plötzlich wird ein Mädchen vorbeigebracht, das nicht mehr weiß, wo es jetzt hin soll. Die Kleine ist ganz aufgelöst, aber in den vielen Listen und Informationsblättern hab ich schnell gefunden, wo ihr Weg jetzt hinführt. Eine Zirkusmitarbeiterin bringt sie dann auch dorthin und man sieht dem Mädchen die Erleichterung an.
Ein Junge hat in der Aufregung des Vortages vergessen, sich in eine Liste einzutragen, aber auch ihn bringen wir gut unter, in seiner Wunschgruppe ist noch Platz. Und wieder ein Kind glücklich gemacht.

Nach der Teambesprechung taucht noch ein Problem mit der Planung für die Maske auf, was mich noch den ganzen Nachmittag beschäftigen wird. Aber gegen Abend löst sich das Problem dann doch glücklicherweise auf.

Montag und Dienstagnachmittag kamen übrigens noch Sportler aus Mülheimer Sportvereinen zu uns. Da diese in der Hockey- bzw. Badminton-Bundesliga spielen, haben sie nicht nur für und mit den Zuschauerkindern in der Turnhalle gespielt, sondern anschließend im Zirkuszelt Fragen beantwortet und Autogramme gegeben.

Mittwochmorgen werden die Getränke geliefert. Inklusive Kühlwagen. Jetzt müssen wir auf die Suche nach einem Verlängerungskabel und einem Vorhängeschloss gehen. Währenddessen üben schon alle Kinder fleißig an ihren Nummern und heute hat auch jedes Kind seine Gruppe problemlos gefunden. Wenn ich mal so rundgehe, sehe ich auch, dass schon kleine Choreographien und Abläufe feststehen, die kleinen Artisten haben schon riesige Fortschritte gemacht. Und: alle Kinderaugen strahlen! Die Betreuer kommen dagegen kaum zur Ruhe, ist eine Gruppe weg, kommt ja gleich die nächste, eine Pause ist da für die Trainer nicht drin. Bei mir im Zirkusbüro kommen heute auch deutlich mehr Leute, die schon Karten für die Vorstellungen kaufen möchten. Außerdem kommt heute die Nachricht, dass wir eine großzügige Spende bekommen haben, damit fallen ganz plötzlich alle unterschwelligen finanziellen Bedenken ab und ich musste einfach mal spontan laut losjubeln. Wir werden ganz sicher nicht mit Minus auf dem Konto abschließen!

Beim Einstöpseln des Kühlwagens raucht der ohnehin nur notdürftig per Isolierband abgeklebte Stecker. OK, DEN werde ich nicht nutzen! Also den Getränkelieferanten anrufen, der ist auch einsichtig und besorgt uns einen Elektriker, der den Schaden beheben soll. Auf dessen Anruf, wann er denn nun kommt, warte ich bis kurz vor knapp, aber irgendwann muss ich einfach los, mein K2 vom Kindergarten abholen. Kurzer Kontrollblick auf den Wagen: der Elektriker war schon da und hat das Kabel schon komplett ausgetauscht! Super, die Getränke für den Nachmittag können gekühlt werden.

Mein persönliches Tageshighlight wartet quasi auf mich: Ich komme zum Auto und höre ein unheilvolles „TOCK“. Ich liebe spielende Kinder, geworfene Steine machen mich aber ziemlich sauer…
Das Auto ist weder neu noch beulenfrei, aber trotzdem kann und will ich da nicht so ohne weiteres drüber hinwegsehen, zumal mir die hinzukommende Lehrerin andeutet, dass die Familie und auch der Übeltäter schulbekannt und –berüchtigt sind. Mal sehen, wie wir das regeln werden. Es ist nix tragisches, aber ärgern tu ich mich trotzdem. Das ist eine Sache, auf die ich einfach gerne verzichtet hätte….

Mittwochnachmittag findet eine Kinovorstellung für Kinder, abends eine für Eltern statt. Auch hierfür muss Technik aufgebaut werden, wir brauchen Tische für Getränkeverkauf und ähnliche Dinge. Aber das stellen wir auch erst nachmittags auf. Es kommen eine Menge Kinder zur Vorstellung, die Popcornmaschine läuft auf Hochtouren. An eine Wechselgeldkasse hatten wir gedacht – gebraucht werden aber zwei davon. Also müssen wir mal wieder improvisieren. Aber es klappt alles. Auch die Abendveranstaltung macht viel Laune, erstmals kann ich wirklich mal als genießender Zuschauer dabei sein. Hinterher wird noch schnell gemeinsam aufgeräumt und die Kassen werden vom Kassenwart des Fördervereins geleert, damit nicht allzu viel Bares in der Schule verbleibt. Ein letzter Kontrollblick in den Kühlwagen zeigt, dass dieser eher ein Warmhaltewagen ist. Da müssen wir am Donnerstagmorgen gleich telefonieren und Abhilfe schaffen.

Damit ist die Hälfte unserer Projektzeit tatsächlich leider schon um.

Der Donnerstagmorgen ist für mich angefüllt mit Planungen für die Vorstellungen. Wo können wir die Preise für Speisen und Getränke am geschicktesten aufhängen? Wie bekommen wir noch Zuschauer für unsere „Sorgenkind-Vorstellung“ am Freitagmittag (die Kinder sollen ja nicht vor halbleeren Rängen spielen)? Wieviel soll das Programmheft kosten? Reichen unsere Tische und Bänke? Haben wir ausreichend Getränke eingelagert, es soll ja heiß werden am Wochenende? Dazwischen kommen wieder einige Leute zum Kartenkauf, jede erdenkliche Pause bei den Betreuern wird fürs Kaffeeholen genutzt, außerdem gehe ich doch hin und wieder mal schauen, wie es in den Gruppen so läuft. Das heißt, ich versuche es, meist komme ich nur bis in den Flur und treffe dann auf Karteninteressenten :-)

Die Kinder haben einen spannenden Tag, sie haben mit ihren bereits fertig geplanten, aber manchmal noch nicht perfektionierten Nummern erste Manegeproben. Heute merkt man aber sowohl an Kindern als auch (und vor allem) an den Betreuern, dass das Projekt schon auch sehr anstrengend ist. Alle sehen etwas angegriffen aus. Dazu kommt die Gewissheit, dass morgen ein wirklich heftiger Tag sein wird: Generalproben (mit Publikum), zwei Aufführungen und abends eine Elterndisco im Zelt. Für mich (und viele andere) wird sich unser Aufenthalt in der Schule von halb acht morgens bis etwa 24 Uhr hinziehen. Vor diesem Hintergrund haben wir uns abgesprochen, für mittags einige Pizzableche zu bestellen.

Der Donnerstagnachmittag ist für mich Zeit zum Atemholen: es finden für die ersten und zweiten Klassen Vorlesestunden statt, damit habe ich nichts zu tun. Auf mich wartet meine Mutter mit meinen zwei Mädels sowie eine Menge Wollmäuse. Ich begebe mich also vor allem auch mal auf Mäusejagd. Und nebenher nehme ich noch Kartenreservierungen entgegen…

Der Freitagmorgen. Heute liegt eine ganz andere Spannung in der Luft, alle Kinder tragen ihre Auftrittskostüme, es stehen die Generalproben vor Publikum sowie die ersten Vorstellungen an. Auch wir im Hintergrund routieren. Der Kühlwagen ist immer noch nicht kalt, das Bier z.B. ist maximal kellerkalt. Die Verkaufsstände werden aufgebaut, außerdem müssen wir Vorbereitungen treffen für den Sektempfang für die geladenen Gäste von Stadt und Trägergesellschaft. Währendessen hat die erste Generalprobe angefangen, noch bevor die ersten Artisten im Zelt sind, ist die Stimmung riesig. Ich höre den Jubel bis in mein Zirkusbüro!

Leider fehlen mir einige Helfer, so dass wir ein bisschen Chaos haben. Vor allem gibt es etwas Ärger mit Älteren, die sich in die erste oder zweite Reihe setzen und leider kein Verständnis dafür haben, dass wir die Kinder nach vorne setzen möchten. Bei der 2. Vorstellung habe ich meine Ordner direkt eingenordet, die zwei Herren (glücklicherweise welche mit breitem Kreuz) verhindern von vornherein eine unglückliche Platzwahl und so läuft dann auch alles wie am Schnürchen.

Beide Vorstellungen waren ausverkauft, das Zelt hat getobt und alle sind glücklich wieder auf den Heimweg gegangen.
Abends haben wir noch eine Elterndisco geplant. Da die Zeit dazwischen zu kurz für einen Besuch zu Hause ist, bleibe ich gleich in der Schule und mache mit der Fördervereinsvorsitzenden mal einen Kassensturz. Wir sind mehr als zufrieden und schöpfen schon einen Teil ab, damit in der Kasse nicht zuviel Bares ist. Der Kassenwart kommt und bringt das Geld schon einmal fort.

Die Elterndisco ist übersichtlich, aber für uns zufriedenstellend besucht. Es kommen etwa 70 Leute und die Stimmung ist gut. Für mich ist um 21:30 Uhr Feierabend, nach 14 Stunden Einsatz mit kaum Ruhe zwischendurch bin ich einfach platt.

Mein persönliches Tageshighlight wartet aber noch auf mich: Kurz vor zuhause sehe ich einen Fahrradfahrer über einen Kreisverkehr torkeln. Er erwischt ein Verkehrsschild und noch bevor er auf dem Boden aufkommt, bin ich im Laufschritt. Der Mann sieht übel aus, er hat mehrere Schnitte im Gesicht und an den Armen, die Nase ist mit Sicherheit gebrochen, das Blut tropft nicht, es läuft. Ich rufe also mal bei der 112 an. Der Wagen ist auch schnell da, die Sanitäter sind auch der Meinung, dass der Mann im Krankenhaus versorgt werden muss.

Als ich endlich zuhause bin, falle ich eigentlich nur noch ins Bett und schlafe…

Samstagmorgen bin ich schon wieder um halb neun in der Schule. Aufbauen kann ich leider nicht viel, die Türen sind noch abgeschlossen und das erste „Schlüsselkind“ kommt erst spät. Aber dann sind auch viele Helfer da und alles funktioniert einwandfrei. Wichtig: heute hab ich wieder Ordner mit Erfahrung, da wird im Zelt alles gut verteilt werden. Da die Vorstellungen besser vorverkauft waren als die Freitagsvorstellungen verzichten wir auf den abgesperrten Artistenbereich. Bei 27 Grad im Schatten ist es auch sehr angenehm, wenn man im Zelt nicht unbedingt mit Hautkontakt sitzen muss…

Für die letzte Vorstellung unseres Projektes hab ich mich freigeschaufelt. Im Laufe der Woche habe ich außer zwei Teilen der Trapeznummer noch gar nix gesehen und ich möchte doch wenigstens meine Tochter mal in Aktion erleben. Also lass ich kurz vor Einlass alles fallen und suche mir einen guten Platz im Zelt. Gut heißt in meinem Fall: direkt an der Technik, denn ich bin ja doch noch zweimal als Sicherung im Einsatz. Kurz vor der Show bekomme ich auch noch eine kleine Einweisung und dann stehe ich auch schon bei der Balancekugelnummer in der Manege.

Die Vorstellung ist megastark! Alle Kinder haben leuchtende Augen, der Stolz auf ihre Leistungen umgibt sie regelrecht – und das zu Recht! Es ist einfach großartig!! Es gibt UV-Licht-Nummern, die relativ ruhig sind, dann superspektakuläre Feuernummern, Trapez und Clowns kommen super an, die Fakire beeindrucken das Publikum. Und dann fällt ein Kind beim Seiltanz und landet mit dem Schritt im Seil, sie hat sooooo geweint! Die Show vorne geht weiter, hinter dem Vorhang bin ich mit Trösten beschäftigt. Als dann aber eine Lehrerin fragt, ob sie die Nummer nochmals probieren will, versiegen die Tränen sofort und der Applaus, als sie wieder die Manege betritt, ist ohrenbetäubend. Und diesmal läuft sie mit traumwandlerischer Sicherheit, ihr Glück ist wirklich mit Händen greifbar. Das war DER Gänsehautmoment des Tages…
Zum Schluss müssen auch wir Helfer nochmals in die Manege, wir bekommen sogar ein Dankeschön, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet! Es gibt ein tolles Gruppenfoto und ein schönes T-Shirt mit unserem Zirkuslogo drauf. Das werde ich auch wirklich in Ehren halten!

Als dann alles vorbei ist, kullern bei uns Betreuern tatsächlich die Tränen. So anstrengend die Woche auch war, wir möchten sie nicht missen, es war eine ganz ganz tolle, unvergleichliche Erfahrung. Wahrscheinlich haben nicht nur die Kinderaugen geleuchtet ;-)

Aber lange kann die Wehmut nicht anhalten, heute noch muss alles wieder abgebaut werden. Das ist nochmals eine wirkliche Knochenarbeit, ich sehe hinterher aus wie der schwarze Mann. So dreckig war ich noch nie, glaube ich. Aber wir liegen wieder gut in der Zeit, so dass hinterher auch noch ein bisschen Zeit ist für einen gemütlichen Ausklang. Wir vertilgen noch restliche Getränke und auch Frikadellen und Brötchen sind noch da, so dass wir hinterher ganz entspannt in den Abend gehen.

Die Kinder werden am Montag recht enttäuscht sein, nichts ist mehr vom Zelt zu sehen, auch die rausgepulten Pflastersteine sind wieder in mühevoller Kleinarbeit nahtlos eingesetzt worden. Aber: am Montagmorgen wird keine Schulglocke zum Unterricht rufen. Nein, wir bekommen die Zirkusmusik, so wird der Wochenanfang im Alltag mit einer kleinen Erinnerung an eine wundervolle Woche eingeläutet werden!

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